Bauwerke
Benediktinerkloster St. Martin, Disentis/Mustér
Titel / Bezeichnung
Benediktinerkloster St. Martin, Disentis/Mustér
Alternativer Titel
Abbazia benedettina di S. Martino; Benedictine Monastery St Martin
Datum
ca. 750
Epoche
Mittelalter (700-1500 n. Chr.)
Institution
Beschreibung
Das Benediktinerkloster St. Martin ist das wichtigste Männerkloster in Graubünden, die grosszügige Barockanlage mit zwei Kuppeltürmen beherrscht das Tal.
Das Kloster wurde durch Bischof Ursicin von Chur um 750 über den Gräbern des heiligen Sigisbert, eines fränkischen Wandermönchs, der sich um 700 aus dem Kloster Luxeuil hierher zurückgezogen hatte, und des einheimischen heiligen Plazidus, gegründet. Nach der Zerstörung der karolingischen Anlage durch die Sarazenen 940 wurde es mit Unterstützung der Sachsenkaiser, die zur Sicherung des Lukmanierpasses eine weite territoriale Entfaltung des Klosters förderten, wieder aufgebaut. Es entstand ein reichsunmittelbarer Klosterstaat, der das ganze obere Oberland umfasste und sich anfänglich auch auf das Urserental jenseits des Oberalps und bis nach Oberitalien erstreckte.
Nach den Reformationswirren erstarkte das Kloster erneut unter den Äbten Christian von Castelberg (1566-1584) und vor allem unter Augustin Stöcklin (1634-1641). Am 6. Mai 1799 brannten französische Truppen Kloster und Dorf nieder, ein weiterer Klosterbrand ereignete sich 1846. Die Angliederung eines humanistischen Gymnasiums erfolgte 1881.
Die umfangreichen archäologischen Grabungen 1906-09 und 1981-83 haben ergeben, dass auf dem Gebiet des heutigen Klosterhofes und der heutigen Marienkirche bereits um 800 zwei karolingische Dreiapsidensäle (St. Maria und St. Martin) standen, beide an der Stelle von Vorgängerbauten. Zwischen den zwei Kirchen lag eine Petruskapelle.
Die erste Martinskirche von Anfang des 8. Jahrhundert integrierte einen Querstollen mit bienenkorbförmigem Rundbau, der als Reliquienkrypta des heiligen Plazidus interpretiert wird. Das einzige Fensterchen des an prähistorische Rundgräber erinnernden Baus lässt das Sonnenlicht um den 11. Juli, das Fest des heiligen Plazidus, am längsten hereinscheinen. Die roh herausgehauene Kammer am Ende des Stollens ist wohl ein Grab. Nach der Zerstörung 940 wurden die Dreiapsidensäle wieder aufgebaut, die Marienkirche etwas schmaler als zuvor. Die drei Apsiden dieser romanischen Kirche wurden 1895-99 von August Hardegger als Krypta in die neue Marienkirche einbezogen. Der Neubau der Petruskapelle erfolgte 1423.
Im Schutt des Klosterhofs fanden sich zahlreiche figürliche und ornamentale, weitgehend farbig gefasste Stuckfragmente aus dem 8. Jahrhundert, die zu den ältesten in der Schweiz gefundenen Zeugnissen dieser Kunstgattung gehören, sie sind heute zum Teil im Klostermuseum zu sehen. Die Placiduskrypta wurde 1983 mit einem Oratorium verbunden, im Osthof befinden sich ein Bronzekubus und ein Hochkreuz von Georg Malin von 1984.
Der Südflügel und ein westlicher Querflügel des Klostergebäudes wurde 1683-95 unter Abt Adalbert II de Medel (1655-96) neu erbaut. Sie brannten 1799 und 1846 aus. Der Neubau der Marienkirche im Nordostflügel entstand unter Einbezug der drei romanischen Apsiden um 980, der Westflügel und die Umbauten von 1895-99 sind von August Hardegger. Der Nordwesttrakt mit dem Kollegium wurde 1937-40 von Walther Sulser errichtet. Das ursprüngliche Projekt, das zwei aneinandergereihte Baugevierte vorsah, blieb für die späteren Neubauten bestimmend, so dass heute das Kloster äusserlich den Intentionen des barocken Bauherrn entspricht. Nur das Mansarddach des zwanzigachsigen Südflügels wurde nach dem Brand von 1846 als fünftes Geschoss ausgebaut.
Das Innere des Klosters wird weitgehend durch den grosszügigen Umbau Hardeggers bestimmt. Bemerkenswert sind besonders die längs der Marienkirche angelegte Rosenkranzstiege von 1899 (eine Imitation der Scala regia in Rom) und der Kapitelsaal. Der Innenraum der neubarocken, mit einem Hochaltar-Ziborium ausgestatteten Marienkirche ist 1981-84 durch Geschosseinbauten fast völlig ausgelöscht worden. Das Refektorium mit Arventäfer und Kassettendecke von 1949 von Bruder Theodor Stäuble entstand nach Plänen von Venantius Maissen. Das Glasgemälde von 1947-52 ist von Giuseppe Scartazzini, der Leuchter von Bruder Markus Moser. In der ebenfalls von Maissen neugestalteten Äbtekapelle steht ein spätgotischer Flügelaltar von 1520.
Klosterkirche St. Martin:
Unter Abt Adalbert III de Funs (1696-1712) wurde die Klosterkirche St. Martin wohl nach einem Projekt von Caspar Moosbrugger neu erbaut. Der Rohbau wurde 1704 vollendet, die Weihe folgte 1712. Der Brand von 1799 brachte das vorderste Chorgewölbe zum Einsturz, wodurch der Choraltar zerstört wurde. Durchgreifende Renovation fanden 1914 im Chor und 1925-26 im Schiff statt.
Der geschlossene, von Lisenen gegliederte Rechteckblock der Klosterkirche steht quer zum Hang und nimmt die Ostseite des breitrechteckigen Klostergevierts ein. Die nach Süden dem Tal zugewandte Zweiturmfassade wird durch Gesimse in zwei Hauptgeschosse und ein den Türmen zugeordnetes Giebelgeschoss unterteilt. Toskanische Pilaster gliedern die Hauptgeschosse in fünf Achsen, in denen stichbogige Fenster sitzen. Achteckige Aufsätze mit «welschen» Hauben bekrönen die beiden streng in die Fassade gebundenen Türme. In den Flachnischen des Giebelgeschosses sind ein gemaltes Schutzmantelbild sowie die heiligen Martin und Georg von Fridolin Eggert zu sehen. Das Säulenportal besitzt einen offenen Segmentgiebel.
Der von einer Stichkappentonne mit Gurtbogen überdeckte Innenraum verkörpert das so genannte Vorarlberger Wandpfeilersystem mit bis zum Altarhaus ringsum laufenden Emporen in rhythmisierter Jochfolge. Das Eingangsjoch und die drei Schiffsjoche gehen in ein breiteres, infolge der zurückspringenden Emporen und der abgeschrägten Chorbogenpfeiler als Querschiff empfundenes Joch über, an das der fünf Stufen höhere Vorchor und das wiederum fünf Stufen höhere, von Sakristeien begleitete Altarhaus anschliessen. Die zweigeschossigen Wandnischen sind durch Gänge untereinander verbunden; im Erdgeschoss kreuzgewölbte Seitenkapellen, über den Emporen Quertonnen. Die Belichtung erfolgt durch stichbogige Fenster in zwei Geschossen und runde Oberlichter. Die Deckengemälde stammen von Fritz Kunz, jenes im Chor datiert ins Jahr 1914, das im Schiff ins Jahr 1925. Einzig in den Gewölben der Seitenkapellen haben sich noch acht einfarbige Medaillons aus der Bauzeit von Francesco Antonio Giorgioli erhalten. Von den alten Wessobrunner Stuckaturen blieben die Kompositkapitelle und Gebälkstücke der Wandpfeiler, die Verkündigungsgruppe am Chorbogen, die Ranken über den oberen Fenstern und die gesamte Dekoration der Kapellen erhalten. Die Stuckaturen im Chorgewölbe von 1913-14 sind von Alois Wolf, jene im Schiffsgewölbe von 1925-26 von Josef Malin.
Die Kirche besitzt eine reiche Ausstattung. Dazu gehören das Régencechorgitter vom Disentiser Bruder Josef Bäz (gestorben 1737), das sich an das Gitter in Einsiedeln anlehnt. Die Kirche besitzt zehn Altäre des 16.-18. Jahrhunderts: der frühbarocker Hochaltar von 1656 mit Bild der Kreuzabnahme von Johannes Selpelius wurde 1888 aus Geyersberg in Niederbayern angekauft. Am Chorbogen rechts steht ein Plazidusaltar aus der Werkstatt des Johannes Ritz, mit dem Wappen des Abtes Plazidus Zurlauben aus Muri und dem Gemälde der Enthauptung des Titelheiligen von 1710 von Giorgioli. Das Barocktabernakel stammt aus Cazis. Als Pendant dazu steht links der Benediktaltar aus der Werkstatt Ritz, das Bild des Titelheiligen von 1710 stammt von der Hand des Franz Carl Stauder der Ältere und wurde von Abt Gerold II Zurlauben von Rheinau gestiftet. Das Tabernakel ist aus Eschenbach (LU).
Die Altäre in den beiden Seitenkapellen nächst dem Querschiff sind aus der alten Kirche übernommen worden. Rechts steht der Michaelsaltar, eines der feinsten und reinsten Werke der Frührenaissance, gestiftet 1572 von Sebastian von Castelberg. Im Aufbau handelt es sich noch um einen spätgotischen Flügelaltar, doch mit unbeweglichen Flügeln und Renaissance-Umrahmung. Die Bilder von Moritz und Jörg Frosch sind nach Stichen von Dürer und Aldegrever gestaltet und zeigen eine Muttergottes in der Strahlenmandorla, zu ihren Füssen der Stifter und sein Sohn Johannes, auf den Flügeln die Taufe Christi, die Heiligen Sebastian, Matthias, Katharina, Elisabeth und Magdalena, in der Predella eine Barbara vor Landschaft und im Aufsatz die Dreifaltigkeit. Auf den Rückseiten sind Grisaillen der Evangelisten und Apostelfürsten zu sehen. Das Bekrönungswappen und Antependium sind von 1910.
Links steht der Katharinenaltar, der 1652 als Gegenstück zum Michaelsaltar geschaffen wurde. Das Gemälde zeigt das Leben der Heiligen Sigisbert und Plazidus von Georg Wilhelm Graesner, die Predella ist von 1910. Der Josephsaltar, mit elegantem Akanthusrahmen, entstand um 1712 und besitzt ein ikonografisch ungewöhnliches Bild der heilige Sippe von 1701 von Caspar Wolfgang Muoss. Der Theophilusaltar bildet das Pendant zum Josephsaltar, das Gemälde um 1680 zeigt die Katakombenheiligen Theophilus und Leontius sowie Thomas von Aquin, Columban, Gallus und Barbara. Der Mater-dolorosa- Altar aus Stuck ist von 1735 und wurde von Francesco Solari geschaffen, in der Nische befindet sich eine beachtliche Pietà aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, ursprünglich aus Lantsch. Der barocke Petrusaltar wurde 1930 redigiert und erhielt ein Bild von Fritz Kunz, darunter befindet sich ein Reliquienschrein des Abtes Gallus Deflorin (1716-24). In der Immakulatakapelle steht ein Altar mit dem Wappen des Abtes Bernhard Frank von Frankenberg (1742-63), einem Flügel von Hans Jakob Greutter und eine Muttergottesstatue von Anfang des 17. Jahrhunderts. An den Wänden stehen Reliquienbüsten des 17. Jahrhunderts.
Die frühbarocke Kanzel mit Schalldeckel, gewundenen Säulen und Nischenfiguren der Evangelisten, wurde 1717 von Bruder Peter Solèr geschaffen. Die Orgel stammt aus dem Jahr 1933 und wurde 1955 erneuert 1955 und 1960 unter Wiederverwendung des Brüstungsgehäuses von 1802 von Sylvester Walpen erweitert. Darunter ist das biedermeierliche Chorgestühl mit dem Wappen des Abtes Adelgott Waller (1826-46) zu sehen. In der Sakristeikapelle steht ein Rokoko-Altar mit lebhaft geschweiften Umrissen, vielleicht von Plazidus Schmid, mit der Kopie des byzantinischen Marienbildes in Piscinula in Rom.
Im Klostermuseum sind frühmittelalterliche Stuckfragmente aus dem Klosterbezirk zu sehen. Es beherbergt zudem eine einzigartige Sammlung mittelalterlicher Plastik aus Graubünden und eine bemerkenswerte Textiliensammlung, darunter eine Mitra aus dem späten 14. Jahrhundert und liturgische und volkskundliche Geräte.
Schlagworte
Parzellennummer
580
Gebäudeversicherungsnummer
203
Nachweis / Literatur
Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte (Hrsg.): Kunstführer durch Graubünden, Bern 2008, S. 228/229.