Narziss im Bergell
«Pozzo dei desideri» von Dominik Zehnder ist ein dystopisches Paradies, ein imaginärer Durchgang zwischen der Kirche Nossa Dona und dem Tunnel der darunterliegenden Kantonsstrasse und zugleich eine Anklage gegen das Endstadium des modernen Narzissmus.
Apropos Narziss: Würde der Jüngling aus dem Mythos – hoffnungslos verliebt in sein eigenes Spiegelbild im Wasser – heute das Bergell durchqueren, könnte er sich in einer höchst ungewöhnlichen Wasserfläche betrachten: einem Grab aus dem 5. Jahrhundert.
In dieser altehrwürdigen Ruhestätte wird das eigene Spiegelbild zum Memento Mori («Gedenke des Todes»): Die flüssige Oberfläche enthüllt ein Grab und gemahnt an die Vergänglichkeit unseres Daseins.
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