«Bitte wenden» - Wendescheiben im Schienenverkehr
Wer bei einer «Wendescheibe» an ein Plattform zum Wenden in einer Sackgasse denkt, liegt falsch. Die Wendescheibe war ein früheres Signal im Schienenverkehr. Sie informierte den Lokführer schon aus mehreren hundert Metern Entfernung darüber, ob er in die nächste Station einfahren durfte oder nicht.
Wie aber sah eine solche Wendescheibe aus und wie funktionierte sie? Eine anschauliche Antwort darauf gibt das Bahnmuseum Albula in Bergün. Auf einer hohen Säule ist eine Scheibe montiert, darunter zwei kleine Scheiben, die in die entgegengesetzte Richtung zeigen. Die Mechanik basiert auf einem Gewichtssystem und wurde durch elektrische Signale des Bahnhofpersonals ausgelöst. War die grosse Scheibe parallel zu den Gleisen gedreht, sodass der Lokführer nur die beiden kleinen Scheiben erkennen konnte, bedeutete dies «Freie Fahrt». War die grosse Scheibe (rot-weiss) dem ankommenden Zug zugewandt, hiess es «Halt».
Entwickelt wurde die Wendescheibe vom deutsche Uhrmacher, Telegraphenspezialist und Erfinder Matthäus Hipp (1813-1893). Seine Erfindung erleichterte die Arbeit des Bahnpersonals erheblich, da die elektrische Signalsteuerung die aufwändigen Seilzugsysteme ablöste. Die Seilzugsysteme waren besonders bei schlechten Wetterverhältnissen, störungsanfällig. Trotz dieser Verbesserungen musste der Bahnhofsvorstand weiterhin die Passierbarkeit der Station und die richtige Weichenstellung überwachen. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts installierte die Rhätische Bahn Wendscheiben als Einfahrsignale auf fast allen Stationen – darunter auch das im Bahnmuseum erhaltene Exemplar, das von 1909 bis 1967 am Bahnhof Samedan im Einsatz stand.
Sogar in der Kunst fand die Hippsche Wendescheibe ihren Platz: Wer in Ernst Ludwig Kirchners Gemälde «Die Brücke bei Wiesen» (1926) genau hinschaut, entdeckt sie in der farbigen Landschaft.